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Neue Hospiz-Vorsorge:
Wenn das Ende einen Anfang hat

Der Dachverband Hospize Schweiz lanciert neu einen nationalen Gönnerverein. Was Sinn und Zweck dieses Vereines ist und welche Kriterien die ihm angeschlossenen Hospize erfüllen müssen: darüber unterhielt ich mich mit Dieter Hermann. Er ist Vorstandsmitglied im Dachverband Hospize Schweiz sowie im Gönnerverein Hospize Schweiz. Zudem engagiert er sich auf kantonaler sowie nationaler Ebene für die Interessen der Hospize.

Yvonne Ineichen: Die Hospizlandschaft Schweiz ist in diesem Land immer noch relativ unbekannt und dennoch schon gut organisiert: Dachverband Hospize Schweiz, Gönnerverein Hospize Schweiz, Gütesiegel Hospize Schweiz und dann ist jedes Hospiz für sich alleine noch eine Organisation. Erläutern Sie uns doch bitte, welchen Zweck die einzelnen Strukturen erfüllen.
Dieter Hermann: Sie haben recht. Die Schweizer Hospizlandschaft ist noch wenig bekannt, weil es noch immer nur wenige Hospize gibt. Einzelne Institutionen aber, wie zum Beispiel das Hospiz Aargau in Brugg, sind schon rund 30 Jahre in Betrieb. Damit die Hospize landesweit eine klare Struktur und eine grössere Bekanntheit gewinnen, wurde im August 2015 der Dachverband Hospize Schweiz geründet. Ziel war und ist es, die Schweizer Hospize miteinander zu vernetzen, das gewonnene Wissen allen zukommen zu lassen und vor allem eine andere Finanzierung für die Häuser zu erwirken. Der Gönnerverein und das Gütesiegel sind wichtige Meilensteine auf diesem Weg.

Viele Menschen verbinden mit Hospizen noch immer eher Gasthäuser auf Alpenpässen als Pflegeinstitutionen. Wie kam die Hospizbewegung zustande?
Das stimmt. In der Schweiz kennt man vor allem Spitäler und Pflegeheime. Die Begrifflichkeit «Hospiz» als Pflegeeinrichtung hat sich noch nicht institutionalisiert. Daran arbeiten wir. In den Sechzigerjahren ging von England eine Palliative Care-Bewegung aus und es entstanden im Ausland erstmals Hospize, in denen Menschen mit unheilbaren Krankheiten am Lebensende versorgt wurden. Nach und nach griff diese Welle der Palliative Care um sich und man erkannte, welch grossen Wert sie für die Betroffenen und ihre Angehörigen hat. In der Schweiz fasste die Hospizbewegung Ende der Achtzigerjahre Fuss, als die Aidserkrankung vor allem jüngere Menschen rasch dem Tod nahebrachte. Diese Menschen waren in den Pflegeheimen mit ihren jungen Jahren nicht am richtigen Ort. Deshalb griff man die Hospizidee auf. Es entstanden die Fondation Rive-Neuve am Genfersee und das Zürcher Lighthouse. Beide Institutionen bestehen bis heute.

Welchen Status besitzen Hospize in der Schweiz heute?
Die Hospize haben den sogenannten «Pflegeheimstatus». Das heisst, die Hotellerie-Kosten werden dem Patienten direkt in Rechnung gestellt, so wie es in jedem Pflegeheim der Fall ist. Gerade für jüngere Menschen am Lebensende kann das eine grosse Hürde darstellen. Denn sie ziehen ja nicht ins Hospiz um, sondern haben eine Wohnung, in der der Rest der Familie weiterlebt. So entstehen finanzielle Nöte, die unethisch und oftmals existentiell sind. Wir vom Dachverband haben uns überlegt, auf welchem Weg dem abgeholfen werden kann. So entstand die Idee des nationalen Gönnervereins.

Noch ein Wort zum Gütesiegel. Weshalb ist ein solches Siegel notwendig?
Die Hospize engagieren sich sehr, damit alle Menschen, die ein Hospiz brauchen, auch eintreten können, selbst wenn es finanziell «nicht geht». Hier wird von den Häusern Hand geboten, denn das Wohl des Patienten und seiner Angehörigen steht über dem Geld. Weil Hospize in der schweizerischen Gesundheitslandschaft noch keinen festen Platz haben und noch nicht klar definiert waren, entstand das Gütesiegel Hospize Schweiz: Dieses Zertifikat garantiert, dass dort, wo Hospiz dransteht, auch Hospiz drin ist! Es beugt auch Mogelpackungen vor. Sie sehen: Es hängt alles zusammen. Hospize, wie wir sie in St. Gallen, Zürich, Brugg und Luzern betreiben, sind im Ausland bereits Standard und deren Finanzierung ist gesichert. Wir hinken in der Schweiz komplett hinterher.

Immer wieder hört man, dass es im Pflegeheim «Hospizbetten» habe, obwohl diese Betriebe weder die geforderten Strukturgrundlagen der Hospize noch deren Qualität aufweisen. Mit dem Gütesiegel können wir jetzt klar definieren, was ein Hospiz ist und welche Leistungen in welcher Qualität angeboten werden. Wir haben für das schweizerische Gütesiegel stark ans deutsche Gütesiegel angelehnte Kriterien erarbeitet, die ein Hospiz erfüllen muss. Diese Kriterien haben sich in Deutschland seit Jahren bestens bewährt und wurden für unser Land und unsere Strukturen angepasst. Diese Hospize werden im Ausland zu 95 % von den Krankenkassen finanziert.

Und inwiefern kommt das Gütesiegel der Allgemeinheit zugute?
Das Gütesiegel gibt auch den Betroffenen und ihren Angehörigen die Garantie, dass die Strukturen eines Hospizes und die Qualität regelmässig von extern überprüft und angepasst werden. Die Klarheit wiederum ermöglicht es der Politik, die Hospize zu «fassen» und die Finanzierung neu zu regeln. Die Hospize tragen massgeblich zu einer nachweisbaren Kostensenkung am Lebensende und erst noch einer verbesserten Erlebnisqualität der Betroffenen bei. Deshalb ist es wichtig, dass die Hospizbetten rechtzeitig während einer Erkrankung zum Tragen kommen und der Benefit ausgeschöpft werden kann. Wir wollen keinen Wildwuchs an (dringend benötigten) Hospizbetten, sondern ein gesundes und qualitatives Wachstum. In der Schweiz werden sich bis Ende 2021 die Hälfte der autonom arbeitenden Hospize zertifiziert haben lassen. Ein Kriterium, an dem wir auch das Mitwirken der Hospize im Gönnerverein festmachen.

Warum das?
Weil wir unseren Gönnerinnen und Gönnern mit dem Gütesiegel ein aussagekräftiges und ehrliches Angebot unterbreiten wollen. Das können wir mit diesem Gütesiegel gewährleisten.

Ich fühle mich gesund, bin ärztlich gut versorgt und versichert. Was bringt mir da eine Mitgliedschaft?
Es geht ja nicht nur um Sie und um den jetzigen Moment. Denken wir etwas grösser: Ändert sich die Finanzierung der Hospize in der Schweiz in den nächsten Jahren nicht, ist jedes Hospiz nach wie vor auf grosszügige Spenden für das eigene Überleben angewiesen. Was also nützt Ihnen die momentane finanzielle Sicherheit, sich ein Hospiz leisten zu können, wenn es keine Hospize mehr geben würde? Zudem legen wir mit dem Verein eine finanzielle Basis für die Hospize, solange deren Finanzierung auf nationaler Ebene nicht gesichert ist. Das kann keine Versicherung gewährleisten. Und wir senken die finanzielle Hürde, die der Hospizeintritt für viele Menschen darstellt.

Wie senkt der Gönnerverein denn die finanzielle Hürde?
Mit einem jährlichen Mitgliederbeitrag von 50 Franken werden (nach einem ersten Karenzjahr) bis zu 10`000 Franken dieser besagten Privatkosten der Hotellerie vom Gönnerverein übernommen. Das kann zum Beispiel für eine aktive, junge Familie, die mit Hypotheken, Ausbildungskosten etc. belastet ist, sehr hilfreich sein, gerade, wenn der Hauptverdiener der Familie ausfällt. Stellen Sie sich vor: Betreut die Ehepartnerin nebst den Kindern auch noch den eigenen Partner quasi rund um die Uhr und es kommen schlimmstenfalls noch Geldsorgen dazu, ist die Belastungsgrenze rasch überschritten – die körperliche und die psychische. Deshalb denkt man bei einer Mitgliedschaft nicht nur an sich, sondern auch an seine Lieben. Oder eben an Menschen, die finanziell weniger gut gestellt sind.

Und das Geld erhalte ich direkt ausbezahlt?
Nein. Die Hospizrechnungen, welche bis zu diesem Betrag gedeckt sind, wird der Gönnerverein direkt dem jeweiligen Hospiz vergüten.

Kann ich das Hospiz frei wählen, wenn ich Gönner:in bin?
Sofern Ihr Wunschhospiz das Gütesiegel besitzt, ja. Das ist die einzige mögliche «Hürde». Doch werden sich vermutlich alle Hospize der Schweiz für das Gütesiegel entscheiden. Denn auch da geht es um den gemeinsamen Auftritt, das Kollektiv, welches sich aus dem gelebten, durchgängigen Werteverständnis der Hospize ableitet.

Gibt es Menschen mit Krankheiten oder Behinderungen, für die das Hospiz nicht der richtige Ort ist?
Leidet jemand an hoher Demenz mit Weglaufgefahr, ist ein Hospiz eher nicht der richtige Ort. Wachkomapatienten gehören ins Spital oder in Heime, die darauf ausgerichtet sind. Menschen mit ausgeprägter Psychose oder suizidgefährdete Menschen sind Patienten für die Psychiatrie. Da bieten Hospize jedoch Hand und arbeiten gemeinsam palliative Konzepte aus. Bestens versorgt sind bei uns Patienten, deren Therapien abgeschlossen sind, oder Menschen mit degenerativen Krankheiten.

Die könnte man doch auch zu Hause pflegen?
Das mag für Menschen, deren Pflege nicht zu komplex ist, gut funktionieren, auch mit Unterstützung der Spitex und anderen Organisationen. Bei komplexen Fällen jedoch ist die Belastungsgrenze zuhause wie bereits erwähnt rasch erreicht und das Hospiz ist dann der richtige Ort, nicht nur für die kranke Person, sondern auch für Angehörigen. Die Unterstützung eines Hospizes kann ein wahrer Segen für alle Beteiligten sein, da wir eben auch Sinnfragen aufarbeiten und Angehörige begleiten. Für die gibt es ja auch ein Leben ausserhalb der Krankheit und nach dem Tod des geliebten Menschen. Manchmal kann bereits ein «Kurzaufenthalt» von einer bis zwei Wochen sehr entlastend sein. Und auch da greift dann die Mitgliedschaft im Gönnerverein. Zudem unterliegt unsere Gesellschaft einem sozialen Wandel, immer mehr Menschen gehen zwar selbstverwirklichend und selbstbestimmt durchs Leben – beispielhaft stehen hier aktuell die Babyboomer. Diese haben vielleicht eine breite Basis an Bekannten, aber kein familiäres, tragendes Umfeld, welches ambulant pflegen und begleiten könnte. Da das Leben vor allem auf der Zielgeraden häufig mit der biografischen Aufarbeitung sowie der Fragestellung und Diskussion von Sinnfragen im Kollektiv gelebt wird, bietet sich eine Begleitung in einem tragenden, verständnisvollen und familienähnlichen Umfeld an – dem Hospiz.

Es gibt also ganz viele Argumente für eine Mitgliedschaft. Fassen Sie uns diese nochmals kurz zusammen?
Es ist eine Versicherung für mich selbst und eine Entlastung für das Sozialgefüge. Das Hauptaugenmerk: Ein Aufenthalt im Hospiz darf nicht am Geld scheitern, weder für mich noch für mein Sozialsystem. Ich kann an einen Ort, an dem ich gut aufgehoben bin und liebevoll betreut werde, gehen und so auch meine Familie, mein soziales Umfeld entlasten. Diese Menschen können Verantwortung abgeben und werden selbst auch getragen. Zudem helfe ich mit, die Zukunft der Hospizlandschaft Schweiz und deren Qualität zu sichern.

www.gönnerverein-hospize.ch 

Interviewfragen: Yvonne Ineichen, wortsprudel

Kontakt

056 462 68 63E-Mail

 

Hospize Schweiz
c/o Dachverband Hospize Schweiz
Gasshofstrasse 18
6014 Luzern
    

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